MISSION RIMINI –
Reinigung und Restaurierung

Alabaster zählt zu den empfindlichsten Steinsorten in der konservatorischen und restauratorischen Behandlung. Welche Herausforderungen das heikle Gestein in der Reinigung und Restaurierung des Rimini-Altars mit sich brachte, erklärt Harald Theiss, Leiter der Werkstatt für Skulpturenrestaurierung.

Dringlichkeit zu Handeln

Publikation

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Die Gründe für einen restauratorischen Handlungsbedarf am Rimini-Altar waren zu Beginn des Projektes offensichtlich: So bereiteten vor allem die Anfang der 1970er Jahre eingesetzten Ergänzungen aus bruchanfälligem Modellgips am Mittelkreuz enorme konservatorische Probleme, die zu einer Gefährdung der angrenzenden druckempfindlichen Originalsubstanz führten.

Zudem konnten kunsttechnologische Befunde aufzeigen, dass diese proportionsstreckenden Ergänzungen ursprünglich nicht vorhanden waren (Abb. 1 a-b). Eine vollständige Entfernung dieser späteren Zutaten war also angebracht. Gleiches galt auch für die im Laufe der Zeit spröde und unansehnlich vergilbten Bruchklebungen. Einige hatten sich bereits geöffnet oder drohten dies zukünftig unkontrolliert zu tun. Eine gefahrlose Präsentation des Objektes war zu diesem Zeitpunkt unmöglich geworden.

Zwar ging von der vorhandenen Oberflächenverschmutzung keine konservatorische Dringlichkeit aus, so stellte diese aber einen enormen ästhetischen Störfaktor dar. Der grau-gelbliche Schmutzfilm sowie die fleckig auf dem Objekt verteilten Kitt- und Klebstoffreste überdeckten die edle, hell-weiße Materialwirkung des Alabasters weitgehend und verliehen dem Stück ein ungepflegtes Erscheinungsbild (Abb. 2). Ziel der geplanten Reinigung war die Wiederherstellung einer gleichmäßigen Materialwirkung des Gesteins, die eine ungestörte Lesbarkeit des Licht- und Schattenspiels an dem bildhauerischen Meisterstück ermöglicht.

Entwicklung eines Arbeitskonzeptes

Video zur Restaurierung

Das Video zur Restaurierung gibt weitere Einblicke in den Arbeitsprozess.

Als oberste Priorität bei allen durchgeführten Maßnahmen galt es, die bereits bei früheren Eingriffen stark beschädigte Substanz nicht erneut zu strapazieren oder zu beschädigen. Eine nicht einfache Herausforderung – bedenkt man, dass Alabaster aufgrund seiner Materialeigenschaften konservatorisch zu den anfälligsten und in der restauratorischen Behandlung problematischsten Steinsorten zählt. Die sichtbaren Beschädigungen späterer Eingriffe an den meisten der heute erhaltenen Alabasterskulpturen offenbaren, dass die Empfindlichkeit des Materials in den vergangenen Epochen wohl nur sporadisch erkannt oder berücksichtigt wurde (Abb. 3). Um die Möglichkeiten und Grenzen bei der restauratorischen Behandlung von Alabaster möglichst objektiv einschätzen und um bei aus den schädigenden Behandlungen der Vergangenheit lernen zu können zu können, wurden im Vorfeld der Restaurierung aufwendige Versuchsreihen zu historischen und derzeit gängigen Restaurierungsmethoden an Alabasterprobegestein aus dem Abbaugebiet des Rimini-Alabasters durchgeführt (Abb. 4).

Beseitigung von alten Klebungen, unstimmigen Ergänzungen und Kittungen

So zeigten die Testreihen, dass Alabaster viel empfindlicher gegenüber mechanischer Einwirkung ist als man bislang oft angenommen hat (Abb.5). Bei der Entnahme der alten Kittmaterialien, Klebstoffen und Armierungen war dies besonders zu berücksichtigen. Klebstoffe wurden daher ausschließlich in Lösemitteldampf gelöst und mit saugenden Zellstoffkompressen von der Oberfläche entfernt.

Die Entnahme größerer Ergänzungen wurden erst durch Sägeschnitte und Bohrungen destabilisiert und anschließend den flächigen Anteil des Materials vorsichtig schneidend oder schabend reduziert. Die letzte, direkt auf der empfindlichen Alabasteroberfläche aufliegende Schicht des Ergänzungsmaterials hingegen ließ sich – vergleichbar dem Freilegen von Übermalungen – nur unter starker mikroskopischer Vergrößerung und allergrößter Vorsicht mit dem Skalpell abnehmen. Auf gleiche Weise wurden sämtliche gealterte und spröde gewordenen Kittmassen beseitigt (Abb. 6 a-b).

Die Reinigung durch Laser

Befreit von Klebstoffen, Kittmaterialien und Ergänzungen war die Oberfläche der Skulpturen nun bereit, gereinigt zu werden. Traditionelle Reinigungsverfahren zeigen zwar meist durchschlagende Reinigungsergebnisse, von uns durchgeführte Tests an Alabasterprobestücken haben jedoch gezeigt, dass kaum eine dieser gegenwärtigen Methoden ohne Beschädigung des Alabasters durchführbar ist. Daher wurden die von uns am geeignetsten erscheinenden Methoden – die Laserreinigung und die Reinigung mit Agar-Kompressen – geprüft und, wo notwendig, soweit verfeinert oder kombiniert, bis daraus ein schonendes Verfahren ermittelt werden konnte und uns eine Schmutzabnahme ohne weitere Beschädigungen oder Veränderungen des heiklen Gesteins erlaubte.

Bei der Reinigung von Alabaster zeigt der Laser entscheidende Vorteile gegenüber herkömmlichen Methoden (Abb. 7). So kann mit diesem Verfahren die problematische Verwendung von Wasser vermieden werden.

Ebenso ist die Einwirkung von Laser mit keinerlei mechanischer Einwirkung verbunden. Anhand durchgeführter Testreihen konnte ein Toleranzbereich des „Rimini-Alabasters“ gegenüber einem Nd:Yag-Laser mit 1064 nm Wellenlänge ermittelt werden. Das bedeutet, dass der Laser innerhalb eines bestimmten Energiebereichs und Einwirkungsdauer nur mit den Schmutzpartikeln, nicht aber dem Alabaster selbst reagiert (Abb. 8 a-b).

Das selektive Reaktionsvermögen des Lasers wirkt allerdings nicht nur auf den Alabaster, sondern auch auf einige Schmutzbestandteile. Ähnlich wie der Alabaster reagieren diese nicht mit dem Laser und bleiben auf der Oberfläche in Form eines gelblich wirkenden Schleiers zurück. Dieser sogenannte Yellowing Effect ist also nicht, wie bislang oft behauptet, eine Materialveränderung des Alabasters (Abb. 9). Dieser geringfügig zurückbleibende gelbliche Schmutzschleier kann aber relativ einfach mit einem anderen Verfahren – der mit speziell aufbereitetem Wasser hergestellten Agar-Gelkompresse – weiter reduziert werden.

Speziell aufbereitete Gel-Kompressen

Das aus einer Rotalge hergestellt Agar-Agar-Pulver kann in heißem Wasser gelöst werden und bildet beim Abkühlen unter 40 °C ein festes Gel aus. Dieses gibt kaum spürbar das darin gebundene Wasser ab. Daher kommen die daraus gefertigten Gelkompressen in der Restaurierung häufig dort zum Einsatz, wo eine Feuchtreinigung von wasserempfindlichen Oberflächen unumgänglich ist. Ein weiterer Vorteil des Agar-Gels ist, dass es in der Lage ist, feine Schmutzpartikel aufzusaugen. Handwarm ist die Agar-Wasser-Lösung noch ausreichend fließfähig, um über eine Spritze direkt auf das Objekt aufgetragen zu werden. Dort passt es sich selbst feinsten Oberflächenstrukturen an und bildet sich dann in wenigen Sekunden zum festen Gel aus (Abb. 10). Dieses besitzt keine Klebekraft, sodass es bei sachgemäßem Auftrag nicht am Alabaster haftet. Nach der gewünschten Einwirkzeit lässt es sich ohne grundlegenden Verbleib von Rückständen vom Objekt abziehen. Um das Anlösen des Gesteins zu unterbinden, wurde das zur Herstellung des Gels verwendete Wasser zuvor mit Calciumsulfat – dem Material, aus dem Alabaster besteht – abgesättigt (Abb. 11).

Die besten Reinigungsresultate konnten durch die gleichzeitige Kombination der beiden Verfahren erzielt werden: Dabei wurde die Laserreinigung durch die transparente Agar-Gel-Kompresse ausgeführt. Der Schmutz konnte dabei soweit reduziert werden, dass die eigentliche Materialwirkung des Alabasters wieder zum Vorschein kam (Abb. 12).

Abschließende Arbeiten.
Neuverklebung und Kittung der Brüche sowie Anfertigung eines neuen Halterungssystems

Die Verklebung und Kittung der Brüche erfolgte durch reversible, alabasterverträgliche Materialien die sich seit langem in der Restaurierung bewährt haben (Abb. 13 a-d).

Anders als bisher wurde ein spezielles Halterungssystem für die Präsentation der Kreuze entwickelt, das eine starre Verbindung der einzelnen Objektsegmente überflüssig macht und verhindert, dass diese aufeinander lasten (Abb. 14).

Die Erkenntnisse aus über vier Jahren Restaurierung sind Teil der Ausstellung „MISSION RIMINI. Material, Geschichte, Restaurierung“ und bilden die Grundlage für die begleitende Publikation, in der die Ergebnisse der mehrjährigen Forschungen, ergänzt durch kunsthistorische Beiträge, zusammengefasst werden. Es ist die erste Monografie zum Rimini-Altar.

Abbildungen: © Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main

Autor:

Harald Theiss

Leiter der Werkstatt für Skulpturenrestaurierung

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