Mission Rimini

3.11.2021–24.4.2022

MATERIAL
GESCHICHTE
RESTAURIERUNG

Der Rimini-Altar

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Er ist weltweit eines der bedeutendsten spätmittelalterlichen Kunstwerke aus Alabaster und ein Hauptwerk der Liebieghaus Skulpturensammlung: der Rimini-Altar (um 1430). Ab dem 3. November 2021 ist er nach umfangreicher Restaurierung wieder in der herausragenden Schausammlung des Museums zu sehen. In den letzten vier Jahren wurden am Rimini-Altar vielfältige konservatorische und restauratorische Eingriffe durchgeführt, vornehmlich eine besonders schonende Oberflächenreinigung durch Lasertechnologie sowie durch gipsgesättigte Agar-Gel-Kompressen. Zudem erfolgte eine umfassende kunsttechnologische Untersuchung des Werks. Dabei konnten nicht nur grundlegende Erkenntnisse zum werktechnischen Aufbau des Altars gewonnen werden, sondern auch durch weitere naturwissenschaftliche Forschungen des BRGM (Bureau de Recherches Géologiques et Minières) in Orléans auch das Abbaugebiet des Alabastergesteins nachgewiesen werden – Ergebnisse, die neue Impulse für die kunsthistorische Forschung zum Œuvre des Rimini-Meisters bringen. In einer konzentrierten Sonderausstellung werden die Ergebnisse dieses internationalen Restaurierungsprojekts dem Publikum eindrücklich sichtbar gemacht. In vier Bereichen erläutern die Restauratoren des Liebieghauses, Harald Theiss und Miguel González de Quevedo Ibáñez sowie der Sammlungsleiter für das Mittelalter, Stefan Roller, die charakteristischen Eigenschaften des Materials Alabaster sowie einzelne Schritte der kunsttechnologischen Analyse. Daneben verdeutlichen sie die Herausforderungen der Restaurierung des hochempfindlichen Materials und setzen sich mit Fragen zur Bildhauertechnik sowie der ursprünglichen Farbigkeit des Kunstwerks auseinander. Den Höhepunkt der Sonderausstellung markiert die Präsentation des Meisterwerks in einem maßgefertigten 4,0 × 3,5 Meter großen Display, dessen Form sich an zeitgenössischen niederländischen Altären orientiert.

Zur Ausstellung wird eine Publikation im Deutschen Kunstverlag erscheinen, der die Ergebnisse der mehrjährigen Forschungen ergänzt durch kunsthistorische Beiträge zusammenfasst. Es ist die erste Monografie zum Rimini-Altar.

Die Ausstellung „MISSION RIMINI“ wird gefördert durch die Kulturfonds Frankfurt RheinMain gGmbH. Zusätzliche Unterstützung erfährt sie durch den Städelschen Museums-Verein e.V. Die vorbereitende Restaurierung sowie die Publikation wurden gefördert durch die Ernst von Siemens Kunststiftung.

Kuratoren: Dipl. Rest. Harald Theiss, Leiter Restaurierung und Dr. Stefan Roller, Sammlungsleiter Mittelalter der Liebieghaus Skulpturensammlung

Mehr zum Projekt

    Das Kunstwerk

    Der Rimini-Altar ist einer der umfangreichsten und eines der am besten erhaltenen spätmittelalterlichen Figurenensembles aus weißem Alabaster. Das Zentrum bildet eine aus mehreren Blöcken gearbeitete Kreuzigung Christi, flankiert von jeweils sechs Aposteln. Die allesamt vollrund ausgearbeiteten und ehemals partiell farbig gefassten Bildwerke entstammen einem Altarretabel der Wallfahrtskirche Santa Maria delle Grazie in Rimini-Covignano. Entstanden sind sie allerdings in den südlichen Niederlanden um 1430, womöglich in Brügge. Auf die große kunsthistorische Bedeutung und die Einzigartigkeit des Rimini-Altars verweist die Tatsache, dass das Werk für einen Großteil der Alabasterskulpturen des beginnenden 15. Jahrhunderts international namensgebend ist. So findet sich die Künstlerzuschreibung „Meister des Rimini-Altars“ in Museen und Kunstsammlungen von Warschau, Berlin und München über Barcelona, Paris und London bis nach New York und Los Angeles.

    Die stark idealisierten Bildwerke des Rimini-Altars folgen noch weitgehend der charakteristischen Formästhetik des sogenannten Schönen Stils, der aufgrund seiner europaweiten Verbreitung zwischen ca. 1380 und 1430 als Internationaler Stil bekannt ist. In der realistischen Wiedergabe mancher anatomischer und physiognomischer Details der Schächer deutet sich jedoch ein stilistischer Wandel an. Hier zeigt sich ein neuartiges Interesse an Naturbeobachtung, das sich auch in der damaligen niederländischen Malerei Jan van Eycks, Robert Campins oder Rogier van der Weydens beobachten lässt und wegweisend für die Kunst der folgenden Jahrzehnte war.

    Das Restaurierungsprojekt in einer Ausstellung

    Das im Jahr 2017 begonnene und von der Ernst von Siemens Kunststiftung im Rahmen der Initiative „Kunst auf Lager“ geförderte Restaurierungsprojekt kommt mit der Sonderausstellung und der Veröffentlichung der begleitenden Publikation nun zum Abschluss. Für die Reinigung des hochempfindlichen Materials erwarb die Liebieghaus Skulpturensammlung eigens einen Laser. Das Publikum konnte die Arbeiten in der Schauwerkstatt des Museums und durch Bildungs- und Vermittlungsangebote verfolgen. Zusammen mit weiteren restauratorischen Maßnahmen wurden in den letzten Jahren verfälschende und aus heutiger Sicht konservatorisch bedenkliche Ergänzungen am Kunstwerk behoben. In Kooperation mit dem Forschungslabor des BRGM Orléans und in enger Zusammenarbeit mit dem Musée du Louvre konnte indes die exakte Steinsubstanz bestimmt werden. Alabaster zählt zu den empfindlichsten Steinsorten überhaupt. Als eine kristalline Form des Minerals Gips ist es zugleich wasserlöslich und nicht hitzebeständig sowie extrem druck- und bruchanfällig. Der Rimini-Altar zeigt eindrücklich, welche künstlerisch-ästhetischen Möglichkeiten dieses Material dem Bildhauer bietet. So lässt es sich schnell und ungewöhnlich feinteilig und filigran mit leichter Druckausübung beschnitzen und ausschleifen. Für die Restaurierung des Meisterwerks ergaben sich aus der Materialanfälligkeit verschiedene Herausforderungen, da traditionelle restauratorische Verfahren zumeist mit einer Beschädigung des Gesteins einhergehen.

    In der Ausstellung wird das Schadensbild des Rimini-Altars eingehend vorgestellt und ein Überblick über die komplizierten konservatorischen Anforderungen gegeben, die bei der Behandlung von Alabaster in der Vergangenheit oftmals nicht erkannt, berücksichtigt oder fehlinterpretiert wurden. Das vom Restauratorenteam Harald Theiss und Miguel González de Quevedo Ibáñez entwickelte und von externen Naturwissenschaftlern geprüfte Restaurierungsverfahren mit Laser und gipsgesättigten Agar-Gel-Kompressen wird erläutert und mit zahlreichen Arbeitsproben nachvollziehbar illustriert. Schritt für Schritt wird erklärt, wie mit diesem Verfahren eine Reinigung des heiklen Alabasters möglich wurde ohne diesen in irgendeiner Form zu beschädigen. Darüber hinaus wird erläutert, warum und wie die revisionsbedürftigen Ergänzungen aus jüngerer Zeit sowie die zahlreichen Bruchklebungen entfernt und erneuert wurden. Aus der kunsttechnologischen Untersuchung des Rimini-Altars ergaben sich zudem zahlreiche offene Fragen zum bildhauerischen Herstellungsprozess, zur ursprünglichen optischen Erscheinung der ehemals vorhandenen Oberflächenveredelung sowie zur Farbigkeit der mittelalterlichen Alabasterskulptur. Erste Antworten darauf konnten die Wissenschaftler mit einer experimentellen bildhauerischen Rekonstruktion der Figur des Apostels Bartholomäus aus dem Altarensemble sowie durch eine ausführliche praktische Studie zur Oberflächenveredlung und Farbigkeit von erstklassigen mittelalterlichen Alabasterwerken geben.

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