Anna Selbdritt

Rhein-Maas-Gebiet (Lüttich oder Köln)
um 1290

Eichenholz, originale Farbfassung, übergangen
Höhe 82,2 cm

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Die heilige Anna mit ihrer Tochter Maria und deren Sohn Jesus Christus gehört im Spätmittelalter zu den am häufigsten aufgegriffenen Bildthemen, oftmals als Zentrum der Heiligen Sippe im Kreis ihrer Männer, Töchter, Schwiegersöhne und Enkel. Das ausgehende 15. und frühe 16. Jahrhundert war die Zeit der Annen-Verehrung schlechthin. In den Jahrhunderten zuvor, in der Anfangszeit des Annenkultes seit dem 12. Jahrhundert, sind die sogenannten Anna-Selbdritt-Gruppen selten.

Die bereits im späten 13. Jahrhundert entstandene Frankfurter Skulptur gehört zu den wenigen frühen Beispielen. Überdies scheint sie als Bilderfindung ein Einzelfall zu sein. Denn während bei anderen vergleichbar alten Beispielen Maria und der Christusknabe auf dem Arm der stehenden oder thronenden Anna sitzen, wird Maria hier von ihrer gleichfalls stehenden Mutter neben sich an der Hand geführt. Nirgendwo sonst ließ sich diese Lösung bislang nachweisen. Die kindhaft kleine Wiedergabe Mariens hingegen ist bis ins 16. Jahrhundert hinein gängig.

Generell dienten diese Darstellungen dazu, dem Glauben an die Jungfräulichkeit Annas, die als Voraussetzung der unbefleckten Empfängnis ihrer Tochter erst lange diskutiert, schließlich aber zum Glaubenskonsens wurde, durch die enge Bindung der Figuren bildhaften Ausdruck zu verleihen.

Bei der Liebieghaus-Gruppe kommt noch etwas anderes hinzu: Gleichsam als Pendant zu dem Buch, das Anna in ihrer rechten Hand hält, trägt Maria ihren Sohn auf dem linken Arm. Diese Gegenüberstellung nimmt Bezug auf die christliche Bildlehre, nach der das Buch als Logos zu verstehen ist, den göttlichen Sinn hinter der Schöpfung, der in der Menschwerdung Jesu Christi und der damit verbundenen Erlösung der Menschen von ihren Sünden gipfelt.